Internationales Institut für Feministische Forschung in Theologie und Religion


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Professur für Feministische Theologie / Theologische Frauenforschung
von Dr. Renate Jost an der Augustana-Hochschule

Augustana-Hochschule


Entstehung der Professur

1989 gründete sich in Bayern ein Arbeitskreis „Institutionalisierung theologischer Frauenforschung/feministisch-theologischer Forschung und Lehre an den Evangelisch-Theologischen Fakultäten in Bayern". Er wurde getragen von der Evangelischen Akademie in Tutzing, dem Arbeitsbereich Frauen in der Kirche, Frauenbeauftragten der Evangelisch-Theologischen Fakultäten, Studentinnen und Wissenschaftlerinnen 1 . Intendiert war, feministisch-theologische Forschung auf einer Ebene zu institutionalisieren, die Kontinuität und Qualifizierung garantierte. Um hierfür eine Konzeption zu entwickeln, wurde 1991 eine Konsultation durchgeführt , und es fanden Gespräche mit Professoren der Fakultäten Erlangen und München und der Augustana-Hochschule statt. Im Frühjahr 1993 wurden mehrere Anträge auf Errichtung eines „Lehrstuhls für Theologische Frauenforschung an der Augustana Hochschule" an die bayerische Landessynode gestellt 2 . Die Synode beschloß, daß ein „Lehrstuhl für Theologische Frauenforschung" an einer der bayerischen Fakultäten oder der Augustana-Hochschule errichtet werden solle, und bat den Landeskirchenrat, Verhandlungen zur Realisierung mit dem zuständigen Staatsministerium und mit den Theologischen Fakultäten bzw. der Augustana-Hochschule zu führen. Ein weiterer Beschluß der Landessynode vom Frühjahr 1994 sah vor, für den Fall, daß eine staatliche Finanzierung an einer Universitätsfakultät nicht zu erreichen ist, die Errichtung des Lehrstuhls an der Augustana-Hochschule zu prüfen. Auf der Synode im November 1994 wurden diese Beschlüsse dahingehend modifiziert, eine zeitlich begrenzte C2-Förder-Professur für junge Professorinnen für die Dauer von sechs Jahren entsprechend der finanziellen Möglichkeiten zu errichten. Der Hochschulrat der Augustana-Hochschule beschloß in seiner Sitzung am 14.7.1995 einstimmig, diese Professur für „Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie" an der Augustana-Hochschule zu etablieren. Um auch Frauen ohne Habilitation die Möglichkeit zu geben, sich auf diese Stelle zu bewerben und sich zu qualifizieren, wurde im Mai 1996 schließlich an der Augustana-Hochschule die Dozentur für Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie (C1, C2) ausgeschrieben, auf die ich im Herbst 1997 berufen wurde. Nach meiner Habilitation im SS 2003 wurde die Dozentur zum 1.10.2003 in eine Professur (C3) umgewandelt.

Grundsätzliches Anliegen der Professur

In meinem Verständnis von Theologischer Frauenforschung/Feministischer Theologie kann ich mich weitgehend den Ergebnissen der EKD-Komission „Förderung theologischer Frauenforschung" anschließen. In ihrem Bericht werden aufgrund neuerer Diskussionen die Begriffe „Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie" durch „Gender Studies" ergänzt, um anschließend die jeweils damit verbundenen unterschiedlichen Akzente darzulegen: „Der Begriff der Frauenforschung erinnert an die Notwendigkeit, die verdrängte und ignorierte Geschichte und Kultur von Frauen zu erforschen, der Begriff der Geschlechterforschung macht die Frage als Frage einer Interdependenz zwischen den Geschlechtern deutlich und der Begriff der feministischen Forschung hält fest, daß es um die Revision und Korrektur der historischen Asymmetrie in den Geschlechterverhältnissen geht.

Theologische Frauenforschung, Feministische Theologie und Gender Studies


  • sind Forschung über Frauen, deren Erfahrungen, Motivationen und Lebenssituationen in der Geschichte der Kirche und der von ihr mitgeprägten Gesellschaft;
  • sind Forschung aus der Sicht von Frauen, insofern darin ihre historisch geprägten Perspektiven auf und Zugehensweisen zu Themen des Glaubens und der Theologie zum Ausdruck kommen;
  • untersuchen, inwieweit die gesellschaftlichen Konstruktionen der Geschlechter Theologie und Kirche auf der Symbolebene, der strukturalen Ebene und der Ebene der Individualität beeinflußt haben und umgekehrt: inwieweit Theologie und Kirche die gesellschaftlichen Konstruktionen der Geschlechter geprägt, legitimiert, kritisiert oder verändert haben;
  • implizieren Wissenschaftskritik. Darin haben sie teil an der neueren Wissenschaftssoziologie, die Wissenschaft konsequent als ‚gesellschaftliche Tätigkeit' begreift. Sie verweisen insbesondere auf die Perspektivität und Kontextualität jeglichen Erkenntnisprozesses und decken die Androzentrik bisheriger Themenbestimmung und Theoriebildung auf. Sie setzen dagegen eine bewußte Forschungstätigkeit zur Überwindung androzentrischen Denkens und patriarchaler Strukturen;
  • sind im Kontext der Frauenbewegung entstanden. Die Wechselwirkung von Forschung und sozialer Bewegung gehört zu ihren konstitutiven Merkmalen. Dementsprechend suchen sie nach Methoden und Arbeitsformen, die den Zusammenhang von Lebenswelt und Wissenschaft, subjektiver Befindlichkeit und Theoriebildung reflektieren 3.

Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie und Gender Studies sollten in allen theologischen Fächern berücksichtigt werden. Doch ist es bei der gegenwärtigen Ausdifferenzierung nicht mehr möglich, alle Diskurse in diesem Bereich zu überblicken und gleichzeitig im Gespräch mit den jeweiligen Fachdisziplinen zu stehen. Deshalb ist es sachgemäß, daß die Dozentin für Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie schwerpunktmäßig in einer theologischen Disziplin arbeitet. Für mich ist dies das Alte Testament. Da Praxisbezug und Interdisziplinarität von Anfang an zu den Anliegen Feministischer Theologie gehören, ich mich in den vergangenen zwanzig Jahren feministisch-theologisch auch mit systematischen, ethischen, praktisch-theologischen und ökumenischen Fragestellungen beschäftigt habe und zudem von seiten der Augustana-Hochschule der Wunsch besteht, feministisch-theologische Fragestellungen über das Alte Testament hinaus zu berücksichtigen, werden Themen aus anderen theologischen Disziplinen von mir v. a. in der Lehre aufgenommen werden. Dabei werde ich mich innerster Linie auf den jeweiligen feministischen Diskurs beziehen.

Anmerkungen

  1. Folgende Frauen gehörten dem Arbeitskreis an: Christine Gerber (ehemalige Frauenbeauftragte der Evang.-Luth. Fakultät der Universität München), Barbara Hauck (ehemalige Frauenbeauftragte der Evang.-Luth. Fakultät der Universität Erlangen), Beate Hofmann (Pfarrerin), Jutta Höcht-Stöhr (Studierendenpfarrerin, München), Christine Karrer (Pfarrerin), Bärbel Mayer-Schärtel (Pfarrerin, ehemalige Assistentin an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau), Uta Pohl (Frauenbeauftragte der Evang.-Luth. Fakultät der Universität München), Dr. Brigitte Probst (ehemalige Theologische Referentin des Arbeitsbereiches Frauen in der Kirche), Bärbel Schieder (Pfarrerin, ehemalige Studierendenpfarrerin an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau, Frauenbeauftragte), Petra Seegets-Paege (ehemalige Frauenbeauftragte der Evang.-Luth. Fakultät der Universität Erlangen), sowie zeitweise Silvia Jühne, Iris Kircher, Marita Hübner, Christine Stradtner.
  2. Dieser Antrag wurde gestellt vom Arbeitskreis „Institutionalisierung" bzw. dem Arbeitsbereich Frauen in der Kirche, vom bayrischen Theologinnenkonvent und von der Studierendenschaft der Augustana-Hochschule. Diese Anträge wurden unterstützt von der Pfarrerkommission, dem Pfarrerinnen- und Pfarrerverein der Evang.-Luth. Kirche in Bayern und vom Hochschulrat der Augustana-Hochschule.
  3. Abschlußbericht der EKD-Kommission „Förderung theologischer Frauenforschung", 8f.

Lehre

In einem mehrsemestrigen Vorlesungsturnus werden Einführungen zu unterschiedlichen Themenbereichen Feministischer Theologie angeboten. Daneben gibt es Blockseminare und Übungen. Die Studierenden sind maßgeblich an der Themenauswahl und Durchführung aller Veranstaltungen eingeladen.


Studientag Augustana-Hochschule

Themen von Lehrveranstaltungen:


  • Gesellschaftliche Aspekte: zur Situation von Frauen in Beruf und Kirche
  • Entstehung feministischer Theologien
  • Zugänge zu feministischen Theologien
  • Generationen feministischer Theologinnen
  • Feministische Hermeneutiken
  • Exegese verschiedener biblischer Bücher, z.B. Buch Rut, Buch Ester oder Gender, Sexualität und Macht in der Anthropologie des Richterbuches
  • Große Frauen der Bibel
  • Bibelübersetzung
  • Historische (Re-)Konstruktionen am Beispiel der Geschichte Israels
  • Trinität
  • Gott-Göttin
  • Jesus Christus – egalitäre Jesusbewegung – Christaphanien,
  • Heiliger Geist – Ruach
  • Feministische Liturgie- und Seelsorgekonzepte
  • Wird die Kirche zu einer Frauenkirche?
  • Feministische Ekklesiologie
  • Leitungsmodelle von Frauen und Männern
  • Ansätze feministischer Theologinnen weltweit: Chung Hyun Kyun, Ivone Gebara, Nelli Ritchie, Maria Clara Lucetti Brigemer, Dorothee Sölle, Phyllis Trible,….
  • Hexenwahn – Zauberei und Magie: in Vergangenheit und Gegenwart
  • Feministische Theologie in Literatur und Film

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